Spannt man eine Bogensehne bis zum Äußersten, so ist es eine Frage der Qualität, ob die Sehne reißt, oder doch der Bogen bricht. Denn der Umstand, dass Zeit und Kraft Instrumente sind, die alle Materialen brechen, ist nicht zu leugnen. Mit der Psyche verhält es sich in diesem Punkt nicht verschieden: Mit genug Ausdauer und festem Wille fährt man jede Persönlichkeit an die Wand. Und dabei spielt es keine Rolle, WER der Fahrer ist.
Als ich eines Nachts angetrunken durch die Straßen wankte, mein Herzlein war gewärmt vom Jägermeister, die Mundwinkel locker zu einem Lächeln verspannt, sah ich, ungefähr auf der Höhe des Wasserfalls, dort, wo das Wasser unter der Brücke in die Tiefe stürzt, auf eben jenem geteerten Straßenübergang, wie ein Mann mit einer Frau sprach; ich dachte mir nichts dabei.
Die Nacht war leer. Leise. Keine Autos. Kein Mensch in Sicht. Nur das fabelhaft unerbittliche Rauschen des Wassers. Friedlich kommt es einen vor, mag man betrunken sein. Langweilig, für den, der alle Sinne beisammen hat. Ein unwichtiges Szenario – Zeit und Raum der überwunden werden muss, will man sich im Bett wie ein versoffener Fötus zusammenziehen.
Ob ich dann was gehört habe, weiß ich nicht. SO laut ist der Wasserfaul nun auch nicht. Aber ich kann mich wirklich nicht erinnern, einen unerwarteten Ton gehört zu haben. Doch etwas hat meine Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht eine Bewegung, die man unbewusst aus den Augenwinkeln erahnt… Vielleicht auch eine ÄNDERUNG der friedlichen Aura des Moments? Der Geruch von Gewalt? Wie dem auch sei.
Ich sah mich um, und es war verständlicherweise nahe liegend, zu dem Pärchen zu sehen, da niemand sonst in meinem Blickfeld zu erahnen war. Und wirklich: Der Mann schlägt die Frau. Mit Händen. Fäusten. Dann Füßen und Beinen. Immer wieder. Hören konnte ich sie nicht. Sie muss wohl – irgendwann in diesem Zeitraum – geschrieen haben; auch wenn sie es JETZT vielleicht nicht mehr konnte. Nun lag sie da zusammengekrümmt auf der Brücke, über dem Sturzwasser, und wurde von dem Mann getreten und ich dachte nur: „Ach du scheiße das passt mir jetzt gar nicht. Aber man muss ja was machen. Die arme Frau, das geht nicht. Die kann bestimmt gar nichts dafür.“ Seufzen.
Also ich. Mit schnellem Schritt. Rüber. Auf die andere Straßenseite. Einfach mal „dazwischen gehen“, der Rest wird sich finden.
- Mit dem Denken kann es so wie mit Träumen sein: Innerhalb kürzester Zeit ist es möglich, dass man sich ganze Abenteuer, vollkommene LEBEN ausdenkt, während in der JETZT-Zeit nur einige Sekunden verloren gehen. Und genau das passiert mir, während ich die Straße überquere. Diesen Mann ansehe. Und ich mich in ihn hineindenke.
Und so sah ich. Einen kleinen Jungen. Wie er sich vor seinen Schwestern schämt, da sie ihn beim Onanieren erwischt haben – und wie sie ihn schlagen. Er weint und heult, doch sie hören nicht auf, sondern treten ihn – sie stampfen wirklich mit ihren Fersen auf ihm herum, wie Weinbauern, die Trauben zertreten. Auf seinen Kopf. Auf seinen Bauch. Und seine halbfesten Weichteilen. Ohne Erbarmen. Mit Geschrei. Von ihnen. Im nächsten Moment sehe ich den Jungen, wie er VERSUCHT mit einem Mädchen zu reden, ihr IN DIE AUGEN ZU SEHEN, doch er kann es nicht. Er schämt sich. Weil er sie zu sehr mag. Und er redet und redet. VERSTECKT sich hinter den Worten. Und sie geht einfach lachend weg. Er will sie in den Armen nehmen. Sie nicht. Ich sehe viele lachende, Kopfschüttelnde Frauen. Sie tragen Spott in den Augen. Abneigende, verhöhnende Koketterie. Bis plötzlich Männer kommen. Die ihn nackt ausziehen. Vor den Mädchen. Dann dieses Lachen – dieses Lachen ist schlimmer als die Schläge. Oder der Urin. Und wie der Junge, der jetzt ein halber Mann ist, onaniert, träumt, trinkt und weint. Ich kann ihn sehen, wie er nicht dazugehört. Wie er ein Außenseiter ist. Nicht weil er anders wäre. Sondern weil er einfach nicht ihre Sprache sprechen kann – die Sprache der Selbstsicherheit, die nur jene kennen, die „dazugehören“. Er fühlt sich wie Dreck. Wie Abschaum. Und gerne hätte ich ihm zugeflüstert, dass man nie Abschaum IST, sondern dazu gemacht VERURTEILT wird. Dass das Alles gar nicht stimmt. So wie es passiert.
Kurz bevor ich den Mann erreiche fällt mir in den Sinn, dass das gar nicht die Erinnerungen des Mannes sind, der dort vor mir auf die Frau eintritt, sondern bloß meine eigenen.
Ich spüre den brutal harten Aufschlag. Wie das Auto mich rammt und der Schmerz explodiert; irgendetwas bricht unter und in meinem Kopf: Ich merke es ganz deutlich. Wie mein Kopf zur Seite gerissen wird. Wie er aufbricht und zur Seite geschleudert wird – der Aufprall auf dem Boden ist nicht der Rede wert.
Kurz sehe ich noch den Mann auf mich zu rennen, auf den ICH doch gerade noch zugegangen bin, und denke, ganz winzig kurz und schnell, dass es doch wahr ist, dass man sein Leben wirklich noch mal an Einen vorbeizieht, bevor man stirbt. Auch wenn man den Tod gar nicht kommen sieht.