„Mit 18 hat man noch Träume“, oder wie heißt die Rubrik im Kultur-SPIEGEL? Sierra träumte den Traum einmal ein großer und gefeierter DJ zu sein. Plattenauflegen, dabei Saufen und Koksen, Umjubelt werden und danach noch vlt die eine oder andere Tussi ficken, also angehimmelt werden für eine mehr als dürftige Leistung; früher sah ich es als Kunst an, die richtige Platte zur passensten Zeit drehen zu lassen, aber diese Zeiten sind lange vorbei, denn wenn man sich an die Umstände und Mechanismen der Nacht gewöhnt, geht jeglicher Zauber (der einem Anfang vielleicht inne liegen mag) und Faszination verloren. Zeit tötet Alles. Auch Träume. Vielleicht sogar besonders die.

Sierra hatte seine Chancen, aber immer wieder „startete er nie richtig durch“. Er hatte die Technik, Freunde die ihn unterstützten und ihn zu seinen Gigs und Partys begleiteten, ihn dort abfeierten, dazu Kreativität bei seiner Plattenwahl, doch am Ende zu sehr seinen eigenen Kopf. Ihm fehlte die Gabe sich „auf die Menge einzustellen“, wie man so hohl und blöd sagt – denn es stimmt nicht, dass DJs sich auf jede bestimmte Partycrowd „einstellen würden“, sondern 99 Prozent ziehen einfach nur ihr Programm durch: Scheiß auf die Massen; und dabei wäre durch die neuen Techniken, die nicht mehr an das „Eins zu Eins“ einer Schallplatte gebunden sind, so viel kreatives, oder nein sagen wir es von einem Schöpferischen Standpunkt aus: kreationistisches Potential vorhanden – weil er zu sehr seine eigene Art hat, seinen eigenen kleinen Kopf, der irgendwie und immer etwas „Besonderes“ sein wollte, doch die Leute wollen selten etwasgroßartig Besonderes. Sie wollen das was sie kennen - nur neuer und besser als bisher. Traurig aber wahr. Möglicherweise hätte er a) einfach gewöhnlicher sein, b) ein wirklich neues Genre erfinden oder c) einfach besser sein müssen. Aber ganz sicher ist, dass du für den Job als DJ zu allererst „Vitamin B“ brauchst: Ohne Verbindungen läuft gar nichts. Wenn du sie dann hast, dann kannst du jeden möglichen Müll produzieren oder auflegen, und die Leute werden es mögen. Weil du dazu gehörst.

„Ich gehe nicht mehr feiern“, spukte Sierra mir einmal arrogant entgegen, „Ich lebe nur noch für meine Musik.“ Und aus dieser Geschichte wurde auch nichts: Eigene Musik produzieren...

Am Wahrscheinlichsten ist, dass Sierra einfach nicht kreativ genug war, denn wenn du einen Hit produzierst, entstehen die Verbindungen zum Auflegen wie von selbst, denn wenn du einmal einen Hit hast, wirst du auf der ganzen Welt gebucht - Jahrelang. Das sind die One-Hit-Wonder der Technobewegung. Einmal ne gute Nummer und dann darfst du für gutes Geld und Unterkunft Jahrelang die Platten deiner „Kollegen“ spielen – so einfach ist das. Nur ein Fuß in der Türe. Wie ein Lottogewinn.

Sierra hat zudem auch versucht eigene Partys zu organisieren, um den „Mythos zu begründen“; stimmt gar nicht. Er hat mit einem Freund Partys organisiert, und als der dann auf Sierra keinen Bock mehr hatte, konnte man sehen, wer alles gemacht hat: Nämlich nicht Sierra, und das war schließlich der Anfang vom totalen Ende von Sierras Träumen ein großer DJ zu werden. Sierra hat immer gewollt, aber er hat zu wenig dafür getan. Du musst beweglich bleiben, dich auch einmal in den Dienst der Sache stellen, zurücktreten, um voranzukommen, aber in Sierras Kopf würde das Ganze auf einen Schlag von selbst funktionieren; lange Rede kurzer Sinn: Sierra ist genau der bekiffte Träumer, als den ich ihn vorhin beschrieben habe. Jemand, auf den man zugehen muss, den man abholen muss. Aber es ist wie mit dem berühmten „Mister Right“ meine Damen: Man muss losgehen und ihn suchen (etwas dafür tun). Das Glück klopft nicht einfach so an deine Tür.
Irgendwann wurde Sierra dann deprimiert und aggressiv. Er schaffte es einfach nicht so gut und erfolgreich zu sein wie in seinen Träumen. Jüngere überholten ihn, und das sogar mit weniger Können und schlechteren Produktionen. Das war natürlich besonders hart. Aber sie hatten etwas, was er nicht hat; wie hieß noch einmal das Label (der Witz ist eine Wiederholung)? Ach ja: Stil vor Talent.

„Ich habe deinen neuen Track auf Soundcloud angehört“, nicke ich Sierra zu. „Den, den du bei Facebook gepostet hast.“
Freudestrahlendes Gesicht: „Und?“
„Tut mir leid, ist nicht so der Burner. Ich meine Minimalgeklacker mit Karnevalsmusik?....“
Empört: „Ist doch mal was Anderes!“
“Ja klar, ist es schon, aber elektronische Musik ist vor allem eines: Cool. Und das Ding ist jenseits von cool. Ganz witzig und im ersten Moment komisch, aber im Endeffekt…“
“Aber du weißt ganz genau was abgeht oder was?“
„Sorry, es kickt einfach nicht.“

Die Durchsage in der S-Bahn sagt: „Nächster Halt….“
Und Andi sagt: „Hey ihr (weinerlicher Ton) nicht streiten…“ Dazu macht er sein Hundaugengesicht.
„Hier müssen wir raus“, nicke ich Sierra zu. Er erwidert die Kopfgeste.

Ich sage es euch ganz ehrlich: Ich kenne dutzende Loser, die auflegen. Gefühlt legt jeder meiner Freunde auf. Sogar Andi macht es hin und wieder (oder schraubt an seiner „Korg“ rum), und kommt sich dabei toll vor (Merke: Ein Irrtum, denn wenn man selbst Musik macht klingt das immer schnell toll, doch in Wirklichkeit….). Auch ich stümpere hin und wieder am Rechner ein Set oder Track zusammen. Doch am Ende zählt nur (traurig) Erfolg. Techno ist wie Kapitalismus ist wie Sex: Loser bekommen keinen geblasen.