„Die Registratur“ ist ein typisches Beispiel der „Umnutzung“ von Räumen durch die Clubkultur, deren Siegeszug selbstverständlich von der neuen/alten Hauptstadt ausging. Gebäude und Räume, die eigentlich einem vollkommen anderen Zweck dienten, werden zu Kathedralen des Feierns umstrukturiert; besonders beliebt in diesem Zusammenhang sind alte Industriekomplexe, Umspannwerke (wie das „E-Werk“), Kesselhäuser, oder Versorgungskeller (das „Ultraschall“) jedoch sind den Möglichkeiten im Prinzip keine Grenzen gesetzt, wie Clubs in Parkhäusern („Omen“), Banken („Tresor) oder eben Orte wie „die Registratur“, die zwar einmal den Münchner Stadtwerken gehört haben, mit ihren hohen Decken und Gängen, sowie dem Kopfsteinpflaster in den Fluren eher an einen uralten (und womöglich vom Krieg gezeichnete) Universitätsabschnitt erinnert, als an Industrie.
Die Umnutzung kulminiert in meiner Gefühlswelt auf dem alljährlichen Techno-Festival „Nature-One“, dass auf einer alten (selbstverständlich verlassenen) Raketenbasis der U.S. Airforce gefeiert wird, wo die Technojünger aller Gang- und Spielart in alten Raketenbunkern tanzen (nicht nur, sondern auch, denn die gigantischen Kirmeszelte sind hier der eigentliche Publikumsmagnet):
Was könnte eine bessere Endnutzung für eine Kriegsanlage sein, als ein Ort wo die Menschen zusammen kommen und friedlich miteinander tanzen und feiern? Pathetisch, ich weiß, und vom kommerziellen Aspekt könnte man dies nun auch in seine Einzelteile zerlegen, jedoch bleiben die Tatsachen, Tatsachen („Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – um mit Huxley zu sprechen….).

Weshalb aber alte Industrieanlagen, sowie Räume aller fast nur möglichen Form , die eigentlich für die Wirtschaft errichtet wurden, bis hin zur Raketenstation (ein ähnliches Pendant zur „Nature One“, die „Liberty One“, gab es in der Nähe vom Ulm und war auch auf einer alten Militäranlage beheimatet), fast ideale Plätze für Techno geworden sind, folgt einer Philosophie, die bisher so noch nicht formuliert wurde. Denn diese Orte sind wegen ihrer erdachten Architektur, lebensfeindlich, inhuman und dazu auch noch unbequem. Wahrscheinlich hat dies auch viel mit dem Begriff, als auch mit dem Gefühl des „Undergrounds“ zu tun, oder (ganz praktisch gesehen) weil diese Ort eher abseits von Wohngebieten liegen, und man hier „laut sein darf“.

Dennoch transportieren diese Plätze einen gewissen Spirit, eine besondere Form von Atmosphäre, fast so, als ob der Mensch sich diese Orte für sich zurückerobert hätte, ähnlich wie die Natur eines Tages über den Menschen siegen wird, ganz egal was er ihr auch antut: Die Natur hat den längeren Atem. Ebenso hofft der Mensch vielleicht, über das Kapital und die Industrie zu siegen (auch wenn jene natürlich der Motor für seinen Wohlstand ist). Es ist ein naturalistisches Gefühl, was sich nicht zuletzt auch in der Musik wiederspiegelt, denn auch wenn elektronische Musik natürlich zu 98 Prozent mit Maschinen produziert wird, so ist die Wirkung doch wiederrum jene, die man bei uralten Stammesritualen verorten kann; der Mensch, der bloße, fast nackte Körper mit befreiten Geist erobert sich diese Räume auf seine Art zurück.
Es ist der Sieg des Menschen über die Kälte des Kapitalismus, was natürlich eine sehr verklärte und romantische Interpretation ist, besonders, wenn man am nächsten Tag in seinen leeren Geldbeutel blickt…