Andi: „Wo isn jetzt hier der zweite Floor?“
Sierra und ich bringen den „Wie-jetzt?“-Blick.
„Ja, der zweite Floor. Wiek, wiek. Da wo Dapayk und Padberg heute auflegen.“ (Nebenbei: Ja, das ist DIE Eva Padberg und ihr Ehemann).
„Erstens legen die nicht auf, sondern die sind IMMER live“, doziert Sierra, Merke: Ganz wichtig ist immer die Betonung, WER seine Musik auf der Bühne produziert, und wer nur auflegt. Das gehört zu jedem Klugscheißerprogramm.
„Und zweitens“, erklärt ein angetrunkener Fleming mit wild fuchtelnden, womöglich augenausstechendem, rechten Zeigefinger, „gibt es in der der Regi keinen zweiten Floor. Hier (Hände zeigen 360 Grad im Raum herum), dann fettich.“
„Ja aber da steht doch: Dapayk und Padberg.“ Zeigt.

Wir schauen an ein Plakat an der Wand.
„Ja, ja. Schon richtich“, nickt der Fleming und berührt den Andi Kumpelhaft vertraut am rechten Arm, stellt sich dann neben ihm, hebt die dazugehörige Hand Andis hoch Richtung Plakat und führt den erhobenen Zeigefingers Andi am Papier entlang. Der Fleming liest vor wie ein Kind, das nicht flüssig lesen kann: „DAAAA-PIIII-EEEEEEEEeeee-K UUUUUUnnnnD Paaaaaaaaat BEEEERRGGGG.“ (es klingt auch ein wenig wie aus „Dingsda“, nicht unähnlich auch wie Dori Walisch spricht in „Findet Nemo“) Dann richte ich seinen Zeigefinger auf die Zeile darunter, wo das Datum steht, lese weiter vor: „Nääääääächsde Woooochhäää.“ Ich lasse die Hand los und nicke den Andi an: „Mhmm….“
„Was nächste Woche? Ich dachte die kommen heute???“ (Andi)
„Wir haben dir tausend und eine Nacht mal gesagt, dass heute hier Electroclash läuft!“ Sierras Kopf wird rot.
„Warum sollte ich zu Electro wollen? Das ist doch Kirmesmusik, wie er sagt.“ Zeigt auf mich.
Ich winke nur ab: „Äh…“
„Oh Mann!!! Da wäre ich doch lieber in die Kantine nach Augsburg gegangen. Mit den Mädels. Wiiiik, Wiiiik.“
Sierra und ich: Fassungslos…

Ich weiß was jetzt kommt. Und da sage ich auch: „Ich weiß was jetzt kommt.
Jetzt sitzt du wieder die ganze Nacht in der Ecke und machst einen auf Kleinkind. Redest mit keinem. Schiebst deinen Bollen.“
Andis Unterlippe zittert bedrohlich. Wie ein Staudamm, der gleich bricht…. Sein Augen sagen es aus: Gleich kommt der Wasserfall…. Er sieht aus wie eine Anime-Figur. Eine von den uncoolen, über die sich die coolen Anime-Figuren lustig machen. Doch dann, die Überraschung:
„Ich gehe jetzt erst mal was Rotzen.“
Sierra nickt anerkennend.
Auch ich muss zugeben: Nicht der schlechteste Plan.
Situation gerettet. Vorerst.
Wie wir alle wissen, hat Andi sein eigenes Material dabei, und so geht es frohen Mutes an den Hüpfenden, Tanzenden vorbei. Aufrecht und gerade. Fast untypisch für seine Art. Irgendwie muss ich an einen irren Astronauten denken, oder einen verblendeten Narren, einen Soldaten, der schnurgerade aus in den Tod rennt. Was hat Kafka noch einmal über die Narren gesagt?

„Dort sind Leute! Denkt euch, die schlafen nicht!“
„Und warum denn nicht?“
„Weil sie Narren sind.“
„Werden denn Narren nicht müde?“
„Wie könnten Narren müde werden?“

Eine treffende Beschreibung für eine ganze Generation. Kafka hat Worte für eine Zukunft erschaffen, die er unmöglich kennen konnte. Hoffen wir, dass er nicht auch in anderen Dingen recht hatte. Wobei manche Clubgespräche und –beobachtungen sehr wohl kafkaesk anmuten…

Schon wieder stehe ich mit Sierra zu zweit da.